Donnerstag, 28. Mai 2015

Rezension zu Die Stadtärztin von Ursula Niehaus


Schöne Erzählung einer wahren Begebenheit



Inhalt vom Buchrücken:

Ursula Niehaus hat die aufregende Lebensgeschichte der Agathe Streicher wiederentdeckt und daraus einen kenntnisreichen historischen Roman gesponnen: Im 16. Jahrhundert ist es Frauen versagt, den Beruf des Arztes zu ergreifen. Dennoch träumt die junge Agathe von Kindheit an von nichts anderem. Es gelingt ihr, sich heimlich ein profundes medizinisches Wissen anzueignen und sich 1561 die Erlaubnis zum Arzteid zu erkämpfen. Ihre Heilerfolge sind weit über die Grenzen der Stadt bekannt, zahlreiche Persönlichkeiten ihrer Zeit reisen nach Ulm, um sich von ihr behandeln zu lassen. Doch Agathes Erfolge rufen Feinde und Neider auf den Plan, und schließlich muss sie die schwerste Entscheidung ihres Lebens treffen: zwischen ihrer Berufung und ihrer großen Liebe …

Zur echten Person Agatha Streicher (1520-1581):

Agatha Streicher war die einzige niedergelassene Ärztin im reichsstädtischen Ulm. Obwohl sie als Frau keine Universität besuchen konnte, besaß sie ein profundes medizinisches Wissen. (...) 1561 leistete sie den Arzteid auf die Ulmer Ordnung. Ihre Heilerfolge waren weit über die Grenzen der Stadt bekannt. Zahlreiche hochstehende Persönlichkeiten, etwa die Prinzessin von Hohenzollern oder der Bischof von Speyer, reisten nach Ulm, um sich von ihr behandeln zu lassen. Als höchste berufliche Anerkennung wurde sie 1576 an das Krankenbett von Kaiser Maximilian II. gerufen.

Agatha Streicher war auch als Geschäftsfrau erfolgreich und eine wichtige Kreditgeberin für die Stadt Ulm, widmete sich jedoch auch karitativen Aufgaben. Wegen ihrer religiösen Überzeugung als Anhängerin der Schwenckfeldschen Lehre war sie aber auch Anfeindungen ausgesetzt.
(Quelle)

 Meine Meinung:

Ich habe bereits die Seidenweberin von Ursula Niehaus gelesen. Auch hier begleitete ich eine junge Frau von Jugend an bis ins hohe Alter, begleitete sie in ihrem Werden, Leben, Erfahrungen machen und beide Bücher haben mir gleichermaßen gut gefallen.

Die Idee hinter dem Buch Die Stadtärztin fand ich sehr interessant. Ich denke, es ist gewagt eine echte Persönlichkeit in einem Buch zur Hauptperson zu machen und um diese eine tolle Geschichte zu konstruieren, aber das ist der Autorin wirklich gut gelungen.

Auch im Nachhinein, wenn ich mir Artikel über die echte Agatha Streicher durchlese, entdecke ich sehr viele Parallelen zu der jungen und entschlossenen Frau aus dem Roman.

So hat Ursula Niehaus auch andere existentielle Persönlichkeiten wie Kaspar Schwenckfeld von Ossig, den Theologieprofessor Martin Frecht , sowie namhafte Schauplätze, wie Ulm im 16. Jahrhundert und die Rückzugsmöglichkeit auf Schloss Justingen, sehr glaubhaft mit eingebaut.



Agathe muss als junges Mädchen den Tod ihrer Schwester miterleben und ist seit jeher fasziniert Kranke zu heilen. Doch als Frau ist es ihr untersagt zu studieren, eine Universität zu besuchen oder gar als eine Tochter aus angesehenem Hause auch niedere Arbeiten wie das Pflegen von Armen zu praktizieren. So werden ihr von Grund auf viele Steine in den Weg gelegt, doch Agathe findet ihren Weg und was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat, dass gibt sie auch nicht so schnell wieder auf. Sie tut alles in ihrer Macht stehende um zu helfen und sich Wissen anzueignen.

Unterstützt wird sie dabei vor allem durch ihren langjährigen Hausarzt Meister Stammler und mehr oder weniger mit ein bisschen List und geschickter Wortwahl ihrem Bruder Augustin, der selbst in den Genuss kam an der Universität studieren zu dürfen.

Agathe ist sehr ehrgeizig, fleißig und nicht auf den Kopf gefallen. Schnell durchschaut sie ihre Mitmenschen, erkennt deren Absichten und weiß wann ihr Unrecht widerfährt. Doch obwohl sie als eine Frau in dieser Zeit kaum ein Wort zu melden hat, fädelt sie sich geschickt ihren Weg durch das heimliche Studieren in Lehrbüchern, das Latein Lernen durch einen kranken Patienten und andere kleine Begebenheiten, die am Ende Großes bewirken.

Um ihrer Berufung als Ärztin, zu folgen, nimmt sie auch Lügen und Schummeleien in Kauf und akzeptiert auch, dass sie unter diesen Umständen wohl niemals heiraten wird.

Doch diesen Part fand ich recht schmal gehalten. Die Liebesgeschichte wird in dem Roman nur leicht angerissen und ihr wird keine tiefere Bedeutung beigemessen. Die Liebe bleibt ein Randgeschehen, gleichfalls mögliche Freunde, Rituale und das Verhältnis zu ihren Familienmitgliedern. Im Mittelpunkt steht wirklich das Medizinern. So werden Themen wie die Pest in Ulm, die Situation unter Soldaten (Vergewaltigungen ect.) und das Schicksal alter Freunde wie Julius Ehinger usw. leider nicht weiter ausgebaut, wobei ich denke, dass an dieser Stelle man durchaus noch mehr hätte machen können.

Neben Agathe treten als Nebenprotagonisten vor allem Doktor Stammler, ein gutmütiger älterer Herr, den ich sehr lieb gewonnen habe, sowie den profitgierigen und egoistischen Augustin und die religiöse vernarrte Schwester Katharina in den Fokus.

Auch auf die Religion, den Religionswandel, ketzerische Lehren und Verfolgung von Menschen mit anderen Gottesansichten bilden einen kleinen Schwerpunkt im Roman und ziehen sich wie ein Roter Faden auch durch das Leben der Familie Streicher.

Es gibt Zeitabschnitte in Agathes Leben, da werden 12 Jahre einfach übersprungen und durchaus krisenreiche Seiten und tief einschlägige Schicksalsschläge einfach schnell auf einer Seite abgehandelt, ehe es wieder die Monate der genauen Erzählung gibt.

Ich fand es sehr interessant zu lesen, wie manche Krankheiten mit "Dreck" im wahrsten Sinne des Wortes behandelt wurden, welche Kräuter für welches Leiden benutzt wurden und wie weit der wissenschaftliche Stand über den Menschen war. Obwohl Agathe die Schriften des Hippokrates, Paracelcius und Avicienna studierte, war die Lehre von den vier Säften im Körper noch sehr weit verbreitet und dem entsprechend fragwürdig waren auch die Behandlungsmethoden.

Auch die Unterschiede zwischen Wundärzten, Apothekern, Badern und studierten Ärzten hat Ursula Niehaus meiner Meinung nach sehr schön heraus gearbeitet.

Im ersten Teil fühlte ich mich noch sehr an den Medicus erinnert, besonders wenn es um  Szenen wie das Amputieren eines Zehs gilt. Aber anstatt die Seitenkrankheit ist hier die Lues (heute die Syphilis) ein ständiger Begleiter in der Geschichte.

Am Ende gibt es noch ein paar Anmerkungen, sowie ein sehr aufschlussreiches Glossar mit alten Bezeichnungen wie Fallsucht für Epilepsie oder Seggl für Idiot aus dem Schwäbischen.

Der Schreibstil hat mir recht gut gefallen. Sehr gefreut hat es mich, dass die Autorin auch auf dem sprachlichen Wege uns in die Zeit des 16. Jahrhunderts entführen wollte, dass sie die Umstände und Situation zischen Mann und Frau, Armen und Besser Situierten so gut dargestellt hat.

Schade fand ich wie bereits erwähnt dass die Liebesbeziehung von Agathe nicht weiter ausgebaut wurde, da hätte sie meiner Meinung nach ruhig von der Vorlage abweichen können, umso den Roman auch etwas spannender zu gestalten.

Fazit:

 Die Spannung hielt sich in Grenzen und gern wäre ich noch mehr auf andere Familienmitglieder eingegangen. Der Inhalt, die Intensität der medizinischen Methoden und der persönliche Werdegang von Agathe Streicher, sowie der Schreibstil haben mir jedoch sehr gut gefallen, sodass ich das Buch im Großen und Ganzen allen weiter empfehle, die sich für Heilungsmethoden aus dem 16. Jahrhundert und das tägliche Klatschgeschehen in einer Stadt interessieren.

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