Donnerstag, 28. Mai 2015

Rezension zu Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde mit vielen Zitaten

Toll. Faszinierend. Unglaubliche Wortgewalt!
 
Enthält Spoiler!
 
Mit vielen Zitaten :-)
 
 

Inhalt vom Buchrücken:

Der schöne junge Dorian Gray wird von einem befreundeten Maler porträtiert. Ein gemeinsamer Freund, Lord Henry Wotton, verleitet Dorian zu der Äußerung, statt seiner möge doch besser dieses Bildnis altern. Im Stil eines Teufelspaktes nimmt die Geschichte ihren Lauf: Zunehmend wird Dorians Existenz zu einem Doppelleben mit glänzender, nie veränderter Fassade und seinem wahren Gesicht auf einem Bild, das er vor der Welt verbirgt. Es ist die alte Geschichte vom Sündenfall in allen Variationen, neu erzählt im Gewand des 19. Jahrhunderts, nicht ohne die zum Schauerroman gehörige Gewalt.

In Wirklichkeit spiegelt die Kunst den Betrachter und nicht das Leben wieder.
Seite 6

Meine Meinung:

Genau dieses erste Zitat lässt sich auch auf das Bildnis des Dorian Gray schließen. Ein Buch ist auch immer ein Kunstwerk. Und gewiss gibt der Autor mit jeder tintendurchtränkten Feder auf dem Papier auch immer etwas von sich selbst Preis. Aber wie der Leser es aufnimmt, wie er die Worte versteht und die Buchstaben fühlt, das ist von jeder Individualität verschieden.
Das Bildnis des Dorian Gray: Manche lieben es. Und manche nicht.

Ich gehöre zu Ersteres. Ich denke, um dieses Buch zu lieben, muss man sich vor allem auch mit der versteckten Philosophie in Oscar Wildes Worten auseinander setzen. Sie ist schonungslos offen und obwohl das Buch 1890 geschrieben, bzw. veröffentlicht wurde, lassen sich viele Themen immer noch sehr gut auf unsere heutige Zeit übertragen.

Mittelpunkt des Romans ist der junge Dorian Gray, ein junger Adonis, der aussieht als sei er "aus Elfenbein und Rosenblättern" beschaffen. Er ist mit dem Maler Hallward befreundet und sitzt ihm stundenlang Modell. Seine Jugend ist so blütenrein und zart, sein Anlitz treu und unschuldig. Doch eines Tages trifft er auf Lord Harry Henry Wotton, ein Mann, der seine Mitmenschen durch seine Sprüche provoziert, der öffentlich philosophiert und Dinge in Frage stellt. Er wirkt mitunter etwas ordinär und er hat durch seine Ansichten und Denkweisen einen negativen Einfluss auf seine Mitmenschen, und doch wird er von allen fasziniert und gerade wegen seiner interessanten Gesprächsthemen immer wieder auf Gesellschaften eingeladen.

"So etwas wie einen guten Einfluss gibt es nicht, Mr. Gray. Jeder Einfluss ist unmoralisch." Seite 27

Der Maler Hallward möchte noch eine Bekanntschaft zwischen ihm und dem jungen Dorian Gray verhindern, doch zu spät, ab da nimmt alles seinen Lauf.
Bislang war sich Dorian Gray nie seiner eigenen Schönheit bewusst, doch Lord Henry Wotton verdeutlicht ihm, dass er ein funkelnden Juwel inmitten einer Kiste aus zerfressenen Mottenlumpen sei. Er könne die ganze Welt mit seiner Jugend einnehmen und alle würden ihm zu Füßen liegen. Er solle seine Schönheit nutzen, so lange sie blühe, denn sei sie einmal verwelkt, er würde seines Lebens nicht mehr froh.
Als Dorian mit diesen Worten im Ohr sein gemaltes Portrait erblickt, wandelt sich sein Lebensbild.

"Ich bin eifersüchtig auf alles, dessen Schönheit nicht stirbt. Ich bin eifersüchtig auf das Portrait, das du von mir gemalt hast. Warum soll es behalten, was ich verlieren muss? (..) Oh, wenn es doch nur umgekehrt wäre! Wenn sich das Bild verändern könnte und ich immer bleiben könnte, wie ich jetzt bin!"
Seite 38

Und genau diese Worte werden wahr.
Ein bisschen erinnert mich die Geschichte an Faust. Dorian ist in diesem Falle der Herr Doktor und lässt sich auf einen Pakt mit dem Teufel ein. Der Teufel ist in diesem Roman nicht wirklich vorhanden, aber man könnte ihn mit Lord Henry Wotton vergleichen. Dieser infiziert ihn mit seinen Denkansichten, schenkt ihm ein Buch, welches ihm alle Moral und Gütigkeit im Leben verlassen lässt und witzelt über seine reine Seite.
Zunächst bemerkt Dorian nichts ungewöhnliches.
Schließlich läuft ihm Sybil Vane, eine junge noch unbekannte Schauspielerin über den Weg. Für mich im Vergleich das "Gretchen". Er war fasziniert von ihr, wie sie auf der Bühne, als Julia starb und am nächsten Morgen als Ophelia erwachte. Er besuchte sie in einem kleinen schäbigen Theater, er sah sich jedes Stück von ihr ab und war unsterblich in sie verliebt.
Doch als sie einmal seine Erwartungen nicht erfüllt, ist seine Liebe mit einem Schlag erloschen und er wendet sich mit grausamen Worten von ihr ab.
An diesem Abend hat sich ein erstes grausamer Zug um seine Mundwinkel im Portrait eingegraben.


"Er wird zum Echo der Musik eines anderen, zum Schauspieler einer Rolle, die nicht für ihn geschrieben wurde." Seite 27

"Die Furcht vor der Gesellschaft, das ist die Grundlage der Moral." Seite 27

Von da an springen die Jahre nur so dahin. Zunächst ist Dorian Gray sich seiner Einbildung sicher, doch als ihm klar wird,, dass bei abendlicher Dämmerung, bei glühendem Kerzenschein und morgenfreundlichem Sonnenlicht das Bild nicht mehr er selbst ist, sondern seine Seele widerspiegelt, probiert er sich aus - und ist fasziniert. Immer wenn er eine Sünde begeht, sich an berüchtigen Orten herumtreibt und unmoralische Handel eingeht, verändert sich das Bild. Es wird mit jeder Sünde furchtbarer, griesgrämiger und Blutflecken besudeln schon bald seine gemalte Hand. Dann und wann schleicht Dorian Gray nach oben, in das geheime Versteck, wo er das Bild aufbewahrt und vergleicht sein nach wie vor reines Anlitz im Spiegel mit dem auf dem Bild.
Er selbst bleibt über all die Jahre jung, forscht, gibt sich seinen Leidenschaften hin, sammelt Edelsteine und bringt ganze Jahre damit zu verschiedenes Stoffe, Seide und Gewänder, afrikanische Instrumente und seltene Farben zu sammeln, und lebt froh und munter sein Leben.

"Um die Wirklichkeit zu prüfen, müssen wir sie auf dem Seil tanzen sehen. Erst wenn die Wahrheiten zu Akrobaten werden, können wir sie beurteilen." Seite 55

"Ich kann für alles Mitgefühl aufbringen, außer für das Leid. (...) Dafür kann ich kein Mitgefühl aufbringen. Es ist zu hässlich, zu grauenvoll, zu bedrückend. Das heutige Mitgefühl mit dem Schmerz hat etwas schrecklich Morbides an sich. Man sollte mit der Farbe, der Schönheit, der Lebensfreude mitfühlen. Je weniger über die wunden Stellen des Lebens geredet wird, desto besser." Seite 55

"Ich habe nicht den Wunsch irgendetwas in England zu verändern, bis auf das Wetter." Seite 55

Doch überall wo er hintritt, bringt er Unheil herbei. Seine Freunde sterben, junge Frauen stürzt er ins Verderben und doch ist er nach wie vor bei der Gesellschaft beliebt - und stets mit dabei ist Lord Henry Wotton, der die Welt und Witwen mit seinen Worten beglückt.

Die Handlung hat mir besonders am Anfang und am Ende sehr gut gefallen, den da ist es für mich eine richtige Handlung mit Dialogen. Oscar Wilde bringt die Beziehung zwischen Dorian Gray und seinem Abbild sehr gut zum Ausdruck und im Laufe des Romans erkennt man auch, wie sich das Verhältnis verändert. Von Erschrecken zu Faszination und Experimentierfreude bis hin zu tiefen Gewissensbissen, die ihm den Schlaf rauben.
Er mag das Bild irgendwann nicht mehr und quält sich damit nur selbst. Er möchte nicht mehr wissen, wie rabenschwarz seine Seele schon ist. Alle seine Mitmenschen glauben an seine Jugend und obwohl die übelsten Gerüchte über ihn kurieren, so brauchen sie ihn nur anzusehen und schenken dem schon keine Bedeutung mehr.
Denn missliche Taten erkennt man an den leicht herabgesetzten Zügen der Mundwinkel. Ein Mensch, der mordet, dessen Augen schillern nicht mehr so blau und vor purer Lebensfreude. ja, einem Menschen sieht man seinen Lebenswandel an.

Der Jubel eines gefangenen Vogels lag in ihrer Stimme. Ihre Augen fingen die Melodie auf und warfen sie strahlend zurück; dann schlossen sie sich einen Augenblick lang, als wollten sie ihr Geheimnis verbergen. Als sie sich wieder öffneten war der Schleier eines Traumes über sie hinweg gezogen.
Seite 82

Dorian Gray war durch ein Buch vergiftet worden. Es gab Augenblicke, in denen er das Böse lediglich als ein Mittel ansah, durch das er seine Vorstellung von Schönheit verwirklichen konnte.
Seite 189

Psychologen behaupten, es gäbe Augenblicke, in denen die Leidenschaft für die Sünde, oder für das, was die Welt Sünde nennt, ein Wesen so beherrscht, dass jede Faser des Körpers und jede Zelle des Gehirns von fürchterlichen Trieben gesteuert zu werden scheint.
Seite 243

Doch genau das ist bei Dorian Gray eben nicht der Fall. Im Mittelteil des Romas war es für mich zeitweilig mehr eine Erzählung. Die Jahre schwanden dahin und wir bekamen einen groben Umriss, was Dorian Gray tat und nicht tat. Doch dann schien die Zeit wieder still zu stehen, wir tauchten wieder in sein Leben ein und erkannten wahrhaftig, wie sein Charakter sich verändert hatte.
Tief in seinem Herzen will er gar nicht so grausam sein, ja er versucht sogar sich zu bessern, auch wenn er sich schon so verloren hat, dass seine Besserung nicht dessen Namen wert ist.

Er lebt in Angst und Schrecken und all das was er vom Leben wollte, hat ihn am Ende verdorben - als er das erkennt, greift er zu seiner, so scheint es ihm Rettung.

Das Ende kam plötzlich, war aber in seiner Wirkung fantastisch. Ich könnte es mir stundenlang durchlesen und finde diese kurze Pointe, diesen letzten Satz einfach wunderbar. Das Buch ist so viel mehr als ein Roman.
Er strotzt vor Anregungen und mehrmals musste ich einfach mal anhalten und über das, was ich gerade gelesen habe, nachdenken. Ich habe mich ziemlich intensiv mit dem Stoff auseinander gesetzt und ich weiß zwar nicht, was das über meine eigene Persönlichkeit aussagt, aber vieles finde ich gut und der Wahrheit entsprechend.
Meine Oma fand diesen Klassiker ziemlich düster, ich dagegen sage er ist schillernd und farbenfroh.

"Was ist mit der Kunst?"
"Sie ist eine Krankheit."
"Liebe?"
"Eine Sinnestäuschung."
"Religion?"
"Der modische Ersatz für den Glauben."
"Du bist ein Skeptiker."
"Niemals! Skeptizismus ist der Anfang des Glaubens."
"Was bist du?"
"Definieren bedeutet Einschränken."
"Gib mir einen roten Faden."
"Fäden reißen. Du würdest dich im Labyrinth verirren."
Seite 250
 (Gerade die letzten drei Sätze finde ich ganz große Klasse!)

"Ich habe nie das Glück gesucht. Wer braucht schon Glück? Ich habe den Genuss gesucht."
Seite 252

"Das wirkliche Leben war ein Chaos, aber die Fantasie hatte etwas schrecklich logisches."
Seite 255

"Die Grundlage jeden Klatsches ist eine unmoralische Gewissheit."
Seite 261

Die Sprache ist flüssig zu lesen. Und überhaupt. Wenn man bedenkt, wann Oscar Wilde lebte, in welcher Zeit, so finde ich seine Gedanken sehr modern, das eben der Menschen gleicht doch in gewissen Zügen dem heutigen. Die Sprache ist gut verständlich übersetzt. Oscar Wilde schreibt teils sehr rational und knapp, manchmal verirrt er sich aber auch in blumige Beschreibungen, umreißt die Umgebung in Adjektiven vom aprikosengelben Licht, bis zum cremeweißen Fries. Es gibt zwischendurch immer mal wieder ein paar französische Begriffe, aber in meiner Ausgabe gab es hinten auch ein Glossar dazu.

Dorian Grays Entwicklung mochte ich, aber ich fand ihn doch oft zu naiv. Lord Henry Wotton dagegen ist eine feste Säule und lebt trotz seiner Ansichten gut und mit ruhigem Gewissen. Sein Charakter ist ziemlich gerissen. Er macht sich die Menschen zum Studienobjekt und biegt sich seine Umwelt zurecht. Stirbt jemand, so gibt es ihm etwas großartig Romantisches, ja er balsamiert alles Schreckliches in Gewöhnliches, zu Wunderschönem.
Lord Henry Wottom lebt nach dem Motto: Eine 4 ist bestanden. Bestanden ist gut, gut ist 2 und 2 ist fast 1.

Der Maler Hallward lebt ins einer eigenen Welt. Er ist durchaus klug und weiß seine Freunde nicht zu unterschätzen, aber sein tragisches Ende hätte wohl keiner in dieser Richtung erwartet.

Fazit:

Das Bildnis des Dorian Gray konnte mich auf ganzer Länger überzeugen. Die Handlung, die Umsetzung der Idee, der Schreibstil, die Philosophie, die Wirkung seiner Pointen - ein rundum gelungener Klassiker.
Ich werde noch lange über dieses Buch nachdenken.

"Das Leben ist eine Frage der Nerven und Fasern und langsam aufgebauten Zellen, in denen sich das Denken versteckt und die Leidenschaft ihren Träumen nachhängt. (..) Doch ein zufälliger Farbton in einem Zimmer oder am Morgenhimmel, ein bestimmter Duft, den du einmal geliebt hast und der zarte Erinnerungen mit sich bringt, eine Zeile aus einem vergessenen Gedicht, auf das du zufällig wieder gestoßen bist, einige Takte aus einem Musikstück, das du längst nicht mehr spielst - ich sage dir, Dorian, von solchen Dingen hängt unser Leben ab."
Seite 276

 
<3 Fiorella

Kommentare:

  1. Wow! - Das ist alles, was mir danach noch einfällt!! Unglaublich tolle Rezi! Ich habe das Buch auch vor Jahren auf meinem Kindle gelesen und fand es klasse! Leider hatte ich nicht mehr so viele Erinnerungen daran. Mit deiner Rezension konnte ich die nun wieder ein bisschen auffrischen. Für die Spoiler bin ich diesmal nun ausnahmsweise mal dankbar - haha^^!

    Alles Liebe ♥, Janine

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    1. Dankeschön Janine. Ja, ich lese gern Spoiler :D ch schreibe auch gern welche, weil ich immer eine Buchbesprechung viel komplexer gestalten kann.

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