Donnerstag, 2. April 2015

Rezension zu Splitterfasernackt von Lilly Lindner

Eine Autobiographie, die berührt
 
 

Inhalt vom Buchrücken:

Lilly Lindner ist sechs, als der Nachbar beginnt, sie regelmäßig zu vergewaltigen. Er droht ihr mit dem Schlimmsten, falls sie etwas ihren Eltern erzählen sollte. Und so schweigt das kleine Mädchen. Schließlich zieht der Mann weg, doch Lillys Leben ist längst aus dem Lot. Mit 13 Jahren fängt sie an zu hungern, damit von ihrem geschundenen Körper möglichst wenig übrig bleibt. Doch die Schande macht sie damit nicht ungeschehen. Und so beschließt Lilly als junge Frau, ihren Körper, der ihr schon lange nicht mehr gehört, in einem Edel-Bordell zu verkaufen. Und ausgerechnet hier beginnt sie, ihre ungeheuerliche Geschichte aufzuschreiben und verfasst ein beeindruckendes, provozierendes Buch von großer Sprachgewalt.

Meine Meinung:

Es ist gar nicht so leicht eine Autobiographie zu bewerten. Es steht mir nicht zu diese Geschichte zu beurteilen, ob sie schlecht oder gut ist, denn sie ist keins vom Beidem. Sie existiert eigenständig, außerhalb vom Raum und Zeit. An diesem Buch saß kein Autor, der sich fiktiv eine Geschichte ausdachte. Ich kann nicht beurteilen, dass mir dieser Punkt im Handlungsstrang nicht gefallen hat und dieser Charakter gestrichen hätte werden können. Ich kann an dieser Stelle nicht von Protagonisten sprechen - denn es sind alles reale Menschen, wie sie leiben und leben und es ist wirklich alles so passiert, ohne ein Auge zuzudrücken.

Während ich in der Ecke meines Bettes gekauert saß und las, durchspülten mich die unterschiedlichsten Gefühle. An manchen Teilen sind die Erlebnisse so rational beschrieben, als würde sie ein Fremder von außen betrachten, in anderen Momenten war ich in Lillys Haut und fühlte mit.
Aber dennoch werde ich wohl nie verstehen oder gar nachvollziehen können, wie es ist, wenn dir jemand ein Messer um die Brustwarze ritzt, wie es ist, wenn du so magersüchtig bist, dass du mehrmals am Tag umkippst, weil du innerhalb von vier Tagen nur zwei Kiwis und drei Blaubeeren gegessen hast - diesen tiefen seelischen Schmerz  - den werde ich nicht spüren, aber wenn ich allein versucht habe, die Augen zuschließen und mir das Ganze vorzustellen, dann tat es mir schon weh und das war nur imaginär in meinem Kopf!

Das Buch ist in vier Parts eingeteilt: Vorspiel, Zwischenspiel, Nachspiel und Hauptspiel.
Im Vorspiel steigt Lilly Linder mit ihrer Geschichte ein. Sie ist sechs Jahre und wird von ihrem Nachbar vergewaltigt.
In ihrer Familie findet sie keinen Halt. Ihre Mutter hasst sie, liebt sie, hasst sie und ihrem Vater scheint alles gleichgültig zu  sein.
Sie wird langsam erwachsen, doch immer wieder taucht der Nachbar in ihrem Leben auf, mit 7, mit 11 und 13 Jahren und eines Tages ist er plötzlich verschwunden.

Doch das bringt Lillys Welt endgültig zum Einstürzen. Plötzlich wohnt in der Wohnung eine Frau mit einer Violine und isst in dem Wohnzimmer, wo sie blutend lag fröhlich ihre Bananen. Der Kopf muss dies erst einmal begreifen.
Lilly ist aber ein unglaubliches schlaues Mädchen. Sie ist sehr gut in der Schule, muss sich für perfekte Noten kaum anstrengen, aber es scheint nie perfekt genug zu sein. Sie bettelt um Aufmerksamkeit ihrer Eltern, dass sie stolz auf sie sind - aber all das bekommt sie nicht.
Sie reißt aus, zieht in ein Jugendheim, lässt sich selbst in eine Klinik einweisen und wartet nur darauf, dass sie endlich 18 Jahre wird.

Im Zwischenspiel beschreibt sie ihre Zeit im Bordell. Natürlich mag es einem zunächst komisch vorkommen, aber es ist ihre Art mit ihren Erlebnissen zu recht zu kommen.
Dort findet sie zum ersten Mal Geborgenheit. Sie fühlt sich zu Hause und verstanden.
Gleichzeitig gesellen sich nach einem erschütternden, grauenhaften Erlebnis mit 17 Jahren, zwei neue Freunde in ihr Leben, die sie seit jeher dauerhaft begleiten.
Ana und Mia, die Spitznamen für Anorexia nervosa und bulimia nervosa. Sie bestimmen ihr Leben, treiben sie mehrmals an den Rand des Hungertods und zerren an ihren letzten Kräften.

"Ich will hungern, bis in den Tod - obwohl ich nichts mehr möchte, als endlich leben. Ich weiß, dass ist eine kaputte Satzinteraktion. Aber Anas Sprache ist schwer zu übersetzen, sie wird unverständlich, sobald man versucht, sie zu erklären."
aus Splitterfasernackt

Doch zum Glück hat Lilly zwei ganz wunderbare Freunde, die mir selbst ans Herz gewachsen sind. Lady und Chase. Sie zwingen alle paar Wochen sie, eine viertel Pizza zu essen, auch wenn diese in sieben klitzekleine Stücke geschnitten ist. Sie geben ihr Halt und sind ihre engsten Vertrauten, die alles über sie wissen und sie so akzeptieren wie sie sind.

Besonders Chase nimmt von Kapitel zu Kapitel eine immer bedeutende Rolle in Lillys Leben ein, fängt sie immer wieder auf, wenn sie fällt und gibt ihr Zärtlichkeit und Liebe.
Lilly ist ein Fluchtmensch und flieht vor alledem, doch eines Tages schafft sie einfach mal in seinen Armen liegen zu bleiben, sie lernt nicht jedes Mal panische Angst zu haben, wenn sie an einem Keller vorbei kommt oder einen Herzkollaps zu kriegen, wenn ein Mann auf sie zu geht.

Das Buch ist so komplex, dass man es einfach selbst lesen muss. Ich kann diesen Prozess den Lilly durchmacht, nicht einfach in Worte fassen. Das geht auch gar nicht. Man kann einen einzelnen Menschen nicht in ein Buch pressen und zwei Sätze über ihn verlieren, dafür gibt es einfach zu viele Facetten.
Und Lilly ist wirklich ein einzigartiger Mensch. Sie schreibt ihre eigene Lebensgeschichte so schrecklich, so verschwommen und doch so klar auf, dass es mich berührt hat und noch immer denke ich wieder intensiv darüber nach.

Und sie ist eine Schriftstellerin. Ganz eindeutig mit großem außergewöhnlichen Talent. Die meiste Zeit schreibt sie in der Ich-Perspektive, dann sieht sie sich wieder als Außenstehende, wie ein kleines Mädchen im Kleid von einem viel zu großen Mann überwältigt wird. Sie führt Dialoge mit Ana und Mia, spricht mit einem Floß in der Badewanne, sie wird niemals wissen, wie Sex wäre, wenn sie niemals vergewaltigt worden wäre und sie schreibt ganz einzigartig.
Allein der Aufbau ist spannend, denn da gibt es diesen einen fehlenden Tag in diesem Leben, der ihre weiteren Handlungen in ein ganz anderes Licht taucht.
Erst ganz am Ende lüftet sie diesen Tag, diese 52 Stunden des Martyriums.

“Aber die Zeit geht weiter. Vorwärts.
Das ist die einzige Richtung, die sie kennt.
Und wir alle müssen ihr folgen.”
  

aus Splitterfasernackt

Lilly Lindner füllt ganze Seiten mit Worten, die kaum ein anderer so in Zusammenhang bringt. Sie schreibt lebendig und poetisch, sie zeigt uns wie verstörend und beängstigend ihre Welt ist und macht daraus ein literarisches Meisterwerk.
Dieses Buch vergisst man nicht so leicht.
Ich fand besonders gut, dass sie beim sexuellen Missbrauch nie ins Detail gegangen ist, gerade das was unbeschrieben blieb, war aussagekräftig genug. Ihre innerstes Seelenleben, ihr Leben mit Ana und Mia, ihr nicht Leben wollen, doch am Leben bleiben, ja ihre zahlreichen inneren Zwiespalte und Widersprüche stehen im Vordergrund und machen dieses Buch einfach absolut authentisch.
Es ist ehrlich und hart, aber auch wie ein sanfter Schmetterling geschrieben. Lilly Lindner hat wirklich einen wunderschönen Schreibstil, den man nicht in Worte fassen kann und den ich noch nie irgendwo wiedergefunden habe.

„Schönheit ist das, was wir sehen, wenn wir aufhören, nach etwas zu suchen, das schöner ist.“
aus Splitterfasernackt

Bei einer Szene musste ich heulen. Ohne verraten zu wollen, hat es mit dem Lietzenssee, einem Wassereimer und einem Grab zu tun. Dieses Tat hat mich echt zum Weinen gebracht und gezeigt was für ein lieber du wunderbarer Mensch Lilly ist und wie traurig und ungerecht die Welt sein kann.

Schön fand ich auch, dass der Einband des Buches hellblau ist, genau wie ihr erstes geschenktes Notizbuch.

Fazit:

Berührend, Ehrlich, brutal und Sanft zugleich. Dieses Buch werde ich so schnell nicht vergessen! Und mein Respekt an Lilly Lindner sich so der Welt zu öffnen und nachdem man jahrelang geschwiegen hat, das Erlebte in solch kräftigen Worten zu verarbeiten.


Kommentare:

  1. Dieses Buch reizt mich auch und ich möchte es auch gerne noch lesen. :) Vielleicht sollte ich es bald von meiner Wuli befreien :)

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    1. Tu das :-) Ich möchte wenn ich mal wieder Luft habe mir auch die Fortsetzung Winterwassertief holen, weil ich doch gern wissen möchte wie ihr Umfeld, ihre Eltern, Freunde auf das Buch reagieren, wenn sie wirklich mal Lilly "kennenlernen" und nicht nur ihre äußere Fassade.

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